{"id":1395,"date":"2023-02-09T14:24:12","date_gmt":"2023-02-09T14:24:12","guid":{"rendered":"https:\/\/simon-weiland.de\/?page_id=1395"},"modified":"2026-05-20T16:22:58","modified_gmt":"2026-05-20T16:22:58","slug":"die-wunderlampe-programmheft","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/simon-weiland.de\/?page_id=1395","title":{"rendered":"Die Wunderlampe"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Magie oder Zauber \u2013 Aladin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Moderne Gesellschaften sind von quasi magischen Abl\u00e4ufen durchdrungen: Maschinen und Algorithmen \u00fcbernehmen viele Bereiche des t\u00e4glichen Lebens. Wir sind Technokraten und Macher geworden: \u201emachen, Magie, Maschine\u201c haben die gleiche Wortwurzel. Doch trotz ihrer \u00e4u\u00dferen Macht f\u00fchlen sich viele Menschen innerlich zunehmend ohnm\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier setzt die Performance an: ein Magier will eine Wunderlampe aus der Erde zerren. Doch er st\u00f6\u00dft an seine Grenzen. Nur einem sogenannten Taugenichts wie Aladin ist es m\u00f6glich, die Wunderlampe zu bergen: Aladin hat sich die kindliche Offenheit bewahrt, sich wundern zu k\u00f6nnen und sich bezaubern zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aladin begegnet in der Erde nicht der Magie des Machens, sondern dem Zauber des Ber\u00fchrt- und Ergriffenwerdens. Er lernt die Liebe kennen und ihm geht ein Licht auf. Die Initiation in der H\u00f6hle bzw. im Venusberg war in pr\u00e4historischer Zeit ein auf der ganzen Welt verbreiteter Ritus, der in den letzten Jahrtausenden von patriarchal-hierarchischen Strukturen \u00fcberlagert wurde. Doch der Zauber dieser Liebe ist auch heute noch da. Der Geist der Wunderlampe hat der Welt von heute einiges zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor mehr als 10 000 Jahren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab keinen Herrgott, daf\u00fcr die Gro\u00dfe G\u00f6ttin. Es gab keine Herrschaft, daf\u00fcr ein Leben mit den Zyklen der Natur. Es gab keine Kriege, daf\u00fcr Riten, die das Leben feiern. Wunschdenken? Verkl\u00e4rung der Vergangenheit?<\/p>\n\n\n\n<p>Arch\u00e4ologische Funde aus der ganzen Welt sprechen eine klare Sprache. Jahrtausende lang lebten die Menschen im Einklang mit&nbsp; Kosmos und Natur. Spuren dieser pr\u00e4historischen Zeit reichen bis in unsere Gegenwart hinein: M\u00e4rchen, Sagen, Br\u00e4uche und vor allem die Sprache zeugen davon, dass wir noch Wurzeln in diese Welt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Stoff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das urspr\u00fcngliche M\u00e4rchen findet sich in der Sammlung \u201eM\u00e4rchen aus 1001 Nacht\u201c. Handlung: ein m\u00e4chtiger Magier will an eine Wunderlampe gelangen, die sich in der Erde befindet. Trotz all seiner Macht ist ihm das unm\u00f6glich. Er ist auf die Hilfe eines Taugenichts angewiesen: Aladin. Deshalb gibt sich der Magier als sein Onkel aus. Aladin holt die Lampe aus einer H\u00f6hle. Als er merkt, dass der Magier ihn betr\u00fcgen will, muss er mit der Lampe in die H\u00f6hle zur\u00fcck. Dort entdeckt er, dass in der Lampe ein Geist ist, der W\u00fcnsche erf\u00fcllt. So wird er aus der H\u00f6hle befreit und heiratet schlie\u00dflich die Tochter des Sultans. Dem Magier gelingt es dann zwar, die Wunderlampe zu stehlen, doch Aladin und seine Frau schaffen es, die Lampe wieder zur\u00fcckzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum dieses M\u00e4rchen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4rchen stellt eine interessante Frage: warum ist ein Machtmensch wie der Magier auf einen sogenannten Taugenichts wie Aladin angewiesen? Ist das, was als Macht erscheint, in Wirklichkeit gar nicht so m\u00e4chtig, vielleicht sogar ohnm\u00e4chtig? Hat das, was in der Welt von heute als nutzlos gilt, wom\u00f6glich die gr\u00f6\u00dfere Kraft? F\u00fcr heutige Gesellschaften sind Herrschafts- und Machtstrukturen so normal, dass wir uns kaum etwas anderes vorstellen k\u00f6nnen. In geschichtlicher Zeit hat es fast immer Herrschaft gegeben. Doch arch\u00e4ologische Funde aus uralter Zeit davor lassen darauf schlie\u00dfen, dass menschliche Gesellschaften nicht immer patriarchal und hierarchisch waren. Sie m\u00fcssen es daher auch nicht bleiben. So greift die Performance einige pr\u00e4historische Spuren auf, die noch heute im Alltag lebendig sind: Osterbr\u00e4uche, Laternenumz\u00fcge und vor allem die Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Wurzeln der Sprache<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Indoeurop\u00e4ische Sprachen haben den gleichen Ursprung: Sprachwissenschaftler schlie\u00dfen durch Vergleiche auf gemeinsam zugrunde liegende Wortwurzeln, die mindestens 5000 Jahre alt sind. Und da kommen erstaunliche Verwandtschaften zutage: aus der Wurzel *kel- enstehen die W\u00f6rter \u201ehell\u201c \u201ehelfen\u201c \u201eH\u00fclle\u201c &nbsp;\u201ehohl\u201c, \u201eH\u00f6hle\u201c, Frau \u201eHolle\u201c und \u201ehold\u201c. F\u00fcr die Performance ist das insofern interessant, weil man sich wundert, wodurch Aladin in der H\u00f6hle eigentlich erhellt wird. Was ist eine Wunderlampe? Schaut man sich die englische Sprache an, kann man die spirituellen Dimensionen vielleicht erahnen: \u201ehole\u201c, \u201ewhole\u201c, \u201eholy\u201c. In der H\u00f6hle m\u00fcssen die Menschen von fr\u00fcher tiefe Erfahrungen gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Geheimnis des Venusbergs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele kennen die Oper \u201eTannh\u00e4user\u201c, in der ein S\u00e4nger einige Zeit in einem Venusberg bei einer heidnischen G\u00f6ttin der Erotik verbringt. Diesem Motiv liegt eine Sage zugrunde, die in ganz Europa verbreitet ist, denn Venusberge gibt es viele. Das l\u00e4sst auf uralte Riten schlie\u00dfen, die in der Sage noch weiter leben : \u201e<em>Es war ein Ort der Liebe der roten Sommerfrau (\u2026) und ihrem Liebhaber.\u201c<\/em> (Derungs, Kurt und Schlatter, Christina: Quellen, Kulte, Zauberberge). \u201c<em>Die Br\u00fcder Grimm haben auf eine Verbindung zur germanischen Toteng\u00f6ttin Holda hingewiesen, deren Name zuweilen in der Sage anstatt desjenigen der Venus erscheint.\u201d<\/em>(Wikipedia: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Venusberg_(Sage)\">hier)<\/a> Holda ist nat\u00fcrlich Frau Holle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5000 Jahre Patriarchat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl die herk\u00f6mmliche Arch\u00e4ologie als auch die sprach- und literturwissenschaftliche Forschung kann uns mit einer Zeit in Verbindung bringen, in der die Menschen noch nicht hierarchisch, kriegerisch und ausbeuterisch gelebt haben. Sich dieser Wurzeln bewusst zu werden, hei\u00dft: so wie wir seit 5000 Jahren leben, muss es nicht zwingend weiter gehen. Eine andere Zukunft ist m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Libretto<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/simon-weiland.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Die-Wunderlampe.docx\">Die Wunderlampe<\/a><a href=\"https:\/\/simon-weiland.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Die-Wunderlampe.docx\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><br><strong>Credits<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Urauff\u00fchrung 13.11.2020 online<br>Text und Musik \u00a9 2021 by Simon Weiland, au\u00dfer:<\/p>\n\n\n\n<p>Zauber (Text \/ Musik: Susan G\u00f6nner)<br>Ich gehe mit meiner Laterne (Volksweise)<br>Laterne, Laterne (Volksweise)<br>Geh aus mein Herz (Text: Paul Gerhardt \/ Musik: August Harder)<br>G\u00f6ttinnen thronen\u2026 (Text: J.W. von Goethe, Faust II)<br>Ode an die Freude (Text: Friedrich Schiller \/ Musik: Ludwig van Beethoven)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Wunderlampe<\/strong> wurde gef\u00f6rdert durch das Kulturamt der Stadt Konstanz und den Deutschen Literaturfonds<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Derungs, Kurt und Schlatter, Christina: Quellen, Kulte, Zauberberge<br>G\u00f6ttner-Abendroth, Heide: Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats, Band III: Westasien und Europa<br>Seghezzi, Ursula: Macht. Geschichte. Sinn. Was uns mitteleurop\u00e4ische Mythen, Sagen und Br\u00e4uche \u00fcber unsere Zukunft erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Magie oder Zauber \u2013 Aladin Moderne Gesellschaften sind von quasi magischen Abl\u00e4ufen durchdrungen: Maschinen und Algorithmen \u00fcbernehmen viele Bereiche des t\u00e4glichen Lebens. Wir sind Technokraten und Macher geworden: \u201emachen, Magie, Maschine\u201c haben die gleiche Wortwurzel. Doch trotz ihrer \u00e4u\u00dferen Macht f\u00fchlen sich viele Menschen innerlich zunehmend ohnm\u00e4chtig. 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