Die Sterntaler

Eine spirituelle Reise – Sternentrilogie Teil 3

Die nächsten Aufführungen

05.10.22 St. Gallen, DenkBar, 18.00 Uhr
17.12.22 Radolfzell, Zeller Kultur, 20.00 Uhr
21.09.23 Feuerthalen, ÄNET am RHY, 20.00 Uhr
23.09.23 Konstanz, Lutherkirche, 17.00 Uhr

Das Stück

Die Performance basiert auf dem gleichnamigen Märchen. Mit jedem Kleidungsstück, das das Mädchen weggibt, kommt sie den nackten Tatsachen näher. Schließlich ist sie völlig bar. Es entsteht ein Tanz um diese Silbe „bar“. Für die einen bedeutet „bar“ nur Cash, für die anderen ist „bar“ der Inbegriff von Freiheit: was entbehrlich ist, kann weg. Am Ende wird das Mädchen beschenkt.  Die Sterne fallen vom Himmel. Für die einen die Apokalypse, für die anderen eine tiefe spirituelle Erfahrung: „Bardo“, der Zustand zwischen Tod und Leben, wie er im Tibetischen Totenbuch beschrieben wird.

„Bardo“ ist ein tibetisches Wort. –bar bedeutet „dazwischen“, man könnte auch sagen „Niemandsland“, und -do ist ein Turm oder eine Insel in diesem Niemandsland. Bardo ist wie ein Fluss, der weder zum jenseitigen noch zum diesseitigen Ufer gehört, aber mittendrin, dazwischen, ist eine kleine Insel. Chögyam Trungpa

Die Schlange

Die Schlange ist heute ziemlich unbeliebt. Das liegt an der Rolle, die ihr in der biblischen Paradiesgeschichte zugewiesen wurde. Dort gilt sie als Verführerin und ist eigentlich schuld an allem und jedem. Sie ist ein Symbol der Sexualität. Diese war im christlichen Kulturkreis zwei Jahrtausende lang ein Tabu.

In der griechischen Antike hatte die Schlange einen besseren Ruf. Weil sie sich häuten kann, galt sie auch als Symbol der Erneuerung. Schließlich wurde daraus ein Sinnbild der Heilung, das sich sogar bis heute gehalten hat. Am Äskulapstab, unserem Emblem für die Medizin, ringelt sich eine Schlange. Unser Piktogramm für Apotheke zeigt sie in ein Becken blickend.

Jahrtausende zuvor finden sich im Alten Ägypten Darstellungen einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ein Ewigkeitssymbol, das noch an vielen anderen Orten in der ganzen Welt auftaucht.

Das wissende Feld

Es gibt manchmal Ereignisse, bei denen man den Zufall für unwahrscheinlich hält. Z.B. fiel das Bild meines Vaters von der Wand, als er starb. Wissenschaftlich sind solche Dinge natürlich schwer zu fassen.

Der Psychologe C.G. Jung nennt es Synchronizität. Der Biologe Rupert Sheldrake schlägt dafür das Konzept des wissenden Feldes vor: eine Verbundenheit von Wesen und Dingen, bei der wir einfach noch nicht verstehen, wie sie funktioniert. Wenn wir sehen, wie ein Fischschwarm oder eine Vogelschar unvermittelt und elegant die Richtung wechselt, ist zu ahnen, wie so ein Feld wirken könnte. Viele von uns haben schon einmal Unerklärliches erlebt.

Zugvögel orientieren sich auf ihren Reisen am Magnetfeld der Erde und am nächtlichen Sternenhimmel. Schwäne erreichen dabei eine Höhe von 8000 Metern. 

Wortwurzeln

Ähnlich klingende Wörter sind oft miteinander verwandt. In der Performance kommen einige davon zur Sprache und werden mit ihrer indoeuropäischen Wortwurzel in Verbindung gebracht. Verwandt sind z.B.

1. Kleidung und Klette (*glei- = kleben)
2. to bear, to wear, wehren, gebären, entbehren, bar (*bher- = tragen, trächtig sein)
3. Himmel, Hemd und Scham (*kem- = bedecken)

Die Wortwurzeln sind Ableitungen, die Sprachwissenschaftler durch Sprachvergleiche von Indien bis Europa rekonstruiert haben. Es wird so auf eine Sprache geschlossen, die unsere Vorfahren vor 5000 Jahren gesprochen haben.

Bar

Das Wort „bar“ ist äußerst vielschichtig. Zum einen heißt es „nackt, bloß, unverhüllt, offen daliegend, frei von, ohne etwas, rein, nichts als“. Zum anderen ist es als Endung eine Silbe der Ermöglichung:  „hör-bar“, „erfahr-bar“ etc.

Für die Sprachwissenschaft sind das derzeit zwei verschiedene Wörter, die nicht miteinander in Verbindung stehen.

Die Performance stellt allerdings die Frage, ob es nicht doch einen inneren Zusammenhang gibt: die Leere als Raum der Möglichkeiten. Eine Erfahrung, die vor allem im Buddhismus von zentraler Bedeutung ist.

Bardo

Im tibetischen Buddhismus wird ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass nach dem Tod etwas Immaterielles weiterlebt. Der Raum zwischen dem körperlichen Tod und der möglichen Wiedergeburt wird Bardo genannt: ein Bewusstseinszustand.

Andere Bardos (Bewusstseinszustände) sind auch im diesseitigen Leben schon erfahrbar: im Traum, in der Meditation, beim Sex, aber auch in besonderen Momenten des Alltags. Der Prozess des Lebens, Sterbens und Werdens kann eigentlich immer und überall geübt werden.

Apokalypse

Die Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch des Neuen Testaments und wird auch Apokalypse genannt. Es ist eine Endzeitvision des Weltuntergangs. Nachdem sieben Siegel geöffnet wurden, sind Posaunen zu hören:

(…) und siehe, da ward ein großes Erdbeben und die Sonne ward schwarz (…) und der Mond ward wie Blut; und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, gleichwie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft (…)“

Im Märchen heißt es dagegen: „Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter blanke Taler.“

Chymische Hochzeit

Das Wort „chymisch“ ist der Vorgänger von “chemisch“ und bedeutet eigentlich „alchemistisch“.  Die Bilder der Alchemie im Mittelalter sind nach C.G. Jung als Symbole seelischer Prozesse zu verstehen. Die „Chymische Hochzeit“ ist eine Bezeichnung für die Vereinigung der Gegensätze Himmel und Erde.

Quintessenz: die Fünf

Das Mädchen gibt fünf Dinge hin: Brot, Mütze, Leibchen, Rock und Hemd. In der mittelalterlichen Alchemie war die fünfmal ausgezogene Kraft eines Stoffes die „Quintessenz“ (= das fünfte Seiende). Dieses durch Destillation der vier Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) gewonnene Substrat wurde „Himmel“ genannt.

Erstaunlich ist die Parallele zum Text im Tibetischen Totenbuch, der aus einem völlig anderen Kulturkreis stammt: „(…) dass Erde sich in Wasser auflöst, (…) Wasser in Feuer, (…) Feuer in Wind, (…) Wind in Bewusstsein.“

Der Märchentext

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld.

Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach „ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungerig.“ Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte „Gott segne dirs,“ und ging weiter. Da kam ein Kind, das jammerte und sprach „es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.“ Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm.  Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen und fror: da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin.

Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte „es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben,“ und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Taler: und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

Text und Musik: Simon Weiland © 2022 außer:

Brüder Grimm: Die Sterntaler, KHM  153
Zogen einst fünf wilde Schwäne (Volksweise)
Taler, Taler, du musst wandern (Volksweise)
1. Mose 3 : 5 / 6 / 7 / 21  und Offenbarung 6 : 12 / 13 (Lutherbibel 1912)
Trungpa, Chögyam: Das Jetzt im Strom der Zeit, Bardo

Inspiration: Anderson, Laurie: Songs from the Bardo
Thurman, Robert F. (Übersetzer): Das tibetische Totenbuch

Bildnachweise:
Schwäne: shutterstock.com / Wurzeln: freepik.de /
Bardomandala: freepinwall.blogspot.com / Alle anderen: pinterest.de
Umschlagbild: was für träume! susanne rodler 2021, Foto: Gabriele Meseth

Dank an Susan Gönner für das Talerlied und noch viel mehr…

Mit Unterstützung des Kulturamts der Stadt Konstanz